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geschichten vom tapetenwechsel

Nanjing University

Neulich an der Unikartenstelle

Oder: Bist du das?

Die Unikarte, an chinesischen Unis der goldene Schlüssel zu Mensakonsum, Supermarktkäufen und in manchen Fällen sogar Duschen. Man lädt sie (ähnlich wie an deutschen Unis) in so einer Art Prepaid-System auf und kann dann auf dem Campus mit ihr bezahlen. Da sie so unglaublich wichtig ist, könnte man meinen, es gäbe ein schnelles und halbwegs leicht zu durchblickendes Verfahren, sie zu ergattern, doch dem ist leider nicht so. Unsere zwei ausländischen Heldinnen haben schon sehr, sehr viele Schritte auf dem Weg zur Unikarte hinter sich gebracht und befinden sich nun in dem Büro, das offiziell dafür zuständig ist, diese Karte auszustellen – anscheinend macht der ältere Herr hier tatsächlich den ganzen Tag lang nichts Anderes. Halt, sagte ich den ganzen Tag? Das Unikartenbüro hat natürlich etwas, sagen wir mal, sparsame, Öffnungszeiten. Und viel los ist an diesem Nachmittag dort auch nicht. Doch kurz noch eine Vorstellung unserer zwei ausländischen Heldinnen:

Ausländische Heldin 1:

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Ausländische Heldin 2 (zugleich Verfasserin dieser Zeilen):

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Das Aussehen wird gleich noch wichtig, also bitte gut einprägen. Denn in dieser Geschichte ist eine Antwort auf „Chinesen sehen alle gleich aus.“ Erstens stimmt das nicht. Aber zweitens tun sich auch Chinesen, v.a. ältere, auch gelegentlich mit nicht-asiatischen Gesichtern schwer.

Ausländische Heldinnen: (nähern sich dem älteren Herrn in der Unikartenstelle) Nihao, wir würden gerne unsere Unikarten ausstellen lassen.

Älterer Herr: (erblickt die zwei Heldinnen: )

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Nihao, dann gebt mir mal eure Studentenausweise.

Ausländische Heldinnen: (reichen die Studentenausweise über den Schalter. Endlich, es ist nur noch ein kleiner Schritt, der getan werden muss. Allein das Ergattern dieser Ausweise hat viel Rennen, viel Bequatschen und sogar ein besonderes Formular von einer Fakultät für eine andere Fakultät gekostet).

Älterer Herr: (macht sich an einem Bildschirm zu schaffen, den die ausländischen Heldinnen nicht einsehen können. Anscheinend tippt der ältere Herr die Matrikelnummer aus dem Studentenausweis der Ausländischen Heldin 1 ab. Stutzt. Grübelt. Gibt die Nummer erneut ein. Schaut die ausländische Heldin 1 an.

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Blickt auf den Bildschirm. Irgendwas scheint nicht zu stimmen, doch vermag er es wohl noch nicht so recht zu verorten). Nihao, bist du das?

Ausländische Heldin 1: (begreift, dass damit ein Befehl impliziert ist, einmal den Schreibtisch des älteren Herrn zu umrunden und auf den Bildschirm zu schauen. Blickt auf den Bildschirm. Bricht in schallendes Gelächter aus. Dann: ) Nein, das bin ich nicht!

Älterer Herr: (blickt etwas verwirrt die Ausländische Heldin 2 an, vielleicht kann die ja helfen).

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Stimmt das nicht? (schaut nochmal zur Ausländischen Heldin 1)

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Ausländische Heldin 2: (beugt sich über den Schreibtisch und erblickt folgendes Bild, das das interne Unisystem der Matrikelnummer des Studentenausweises der Ausländischen Heldin 1 zugeordnet hat: )

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Ähm…nein, es tut mir Leid, das Foto scheint nicht zu stimmen. Das ist jemand Anderes.

Älterer Herr: (nach wie vor etwas verwirrt. Zur Ausländischen Heldin 1: ) Was ist denn dein chinesischer Name? Ist der Shali?

Ausländische Heldin 1: Ja, ich heiße auf Chinesisch Shali, aber das ist nicht mein Foto.

Älterer Herr (seufzt) Ok, dann machen wir erstmal die andere Unikarte. (Nimmt den Studentenausweis der Ausländischen Heldin 2 und tippt die Nummer ein. Hoffentlich klappt das jetzt besser. Blickt zur Ausländischen Heldin 2)

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Nihao, sind Sie das? (zeigt auf folgendes Bild)

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Ausländische Heldin 2: Ja, das bin ich.

Älterer Herr: (blickt zur Ausländischen Heldin 2.

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Dann zum Foto.

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Scheint zu stimmen.) Soll dieses Bild auch auf deine Unikarte?

Ausländische Heldin 2: Ähm, ja, das wäre gut.

Älterer Herr: (hantiert ein wenig in dem Computersystem, bedruckt dann eine Unikarte mit dem Foto der Ausländsichen Heldin 2. Jetzt zurück zu dem schwierigeren Fall. Tippt erneut die Matrikelnummer der Ausländischen Heldin 1 ein. Wieder erscheint dieses Foto.)

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Nihao, das stimmt also nicht? (blickt zur Ausländischen Heldin 1.)

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Ausländische Heldin 1: Nein, das bin ich wirklich nicht.

Älterer Herr: Aber du heißt doch Shali? Die Nummer stimmt auch…

Ausländische Heldin 1: Ja, aber leider ist das Bild nicht ganz richtig.

Älterer Herr: Hm. (blickt auf die weiteren Daten im Unisystem) Und….kommst du aus der Türkei?

Ausländische Heldin 1: Äh, nein, ich komme aus Deutschland.

Älterer Herr: Aus Deutschland?! (diese zwei Heldinnen wollen ihm doch einen Bären aufbinden).

Ausländische Heldin 2: Äh, ja, wir sind zusammen gekommen, wir sind im gleichen Masterprogramm. (ein bisschen tut ihr der ältere Herr doch leid. Aber jetzt zu sagen, das Foto stimme, würde auf lange Sicht wohl nur zu größeren Komplikationen führen).

Älterer Herr: Aha. (kratzt sich am Kopf) Und ist das hier deine Passnummer? Deine Handynummer? (zeigt auf ein paar Felder im Computer)

Ausländische Heldin 1: Nein, also….das stimmt alles nicht.

Älterer Herr: (fühlt sich, so scheint der Ausländischen Heldin 2 zumindest, zunehmend zum Narren gehalten) Alles? Aber du heißt doch Shali, oder?

Ausländische Heldin 1: Ja, aber…das Bild ist wirklich nicht richtig. Hier, das hier, in meinem Studentenausweis, das bin ich. (zeigt auf den Ausweis).

Älterer Herr: (sehnt den Feierabend herbei) Hm. (schaut auf den Ausweis.

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Schaut auf den Bildschirm.)

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Na gut. (kramt sein Smartphone hervor – ja, in China sind Smartphones generationenübergreifend – und macht, zugegebenermaßen etwas widerwillig, ein Bild vom Bild aus dem Ausweis, das er dann auf irgendeinem magischen Wege in das Computersystem einpflegt.)

Es hat gedauert, aber irgendwie klappte es dann und beide Ausländische Heldinnen sind nun Besitzerinnen von Unikarten mit richtigem Foto. Es mussten dann noch die Daten vom falschen Shali gegen die der echten Shali ausgetauscht werden, aber das ging eigentlich ganz gut. Gegen Ende des Aufenthaltes schien der ältere Herr sogar Vertrauen zu fassen und zu glauben, dass es wohl in irgendeiner Form zu einem technischen Problem gekommen war. Trotzdem hofft er wahrscheinlich, dass nicht eines Tages der andere Shali

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, obgleich wahrscheinlich schon längst zurück in der sonnigen Türkei, trotzdem in sein Büro marschiert und fragt, warum er im System auf einmal blond und weiblich ist.)

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