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geschichten vom tapetenwechsel

Nanjing University

Master Chinesisches Recht und Rechtsvergleichung

Oder: Ein Leidens Erfahrungsbericht

Liebe Leserschaft,

es ist Wochenende und ich kann entspannen, was auch bitter nötig ist. Nicht wegen der Wärme. Nicht wegen des frühen Aufstehens. Nicht wegen meines Kauderwelschspanischs. Nein, der Grund liegt weiter zurück, zeitlich wie räumlich, und man findet ihn an zwei Orten: in Göttingen und in Nanjing, denn dort habe ich meinen Master gemacht. Einen Master, der zumindest für mich, meine Fähigkeiten und meine Interessensgebiete eine ziemlich schlechte Idee war: Chinesisches Recht und Rechtsvergleichung. Und da ab und an mein soziales Umfeld fragt, wie mir dieser Studiengang so gefällt/gefiel, hier die Antwort als TLDR:

Nicht gerade gut.

Für alle, die jetzt noch weitere Fragen haben, ist dieser (heute etwas längere) Blogeintrag gedacht. Dreierlei jedoch vorab:

Auch wenn das eigentlich klar sein sollte, geht es in diesem Eintrag außer in den Abschnitten „Ein Wort zu mir“ und „Der Studiengang“ um meine Eindrücke und meine Gefühle gegenüber diesem Master. Auch bitte im Hinterkopf behalten: Es gibt in diesem Master zwei sog. „Eingangsprofile“ (wer denkt sich eigentlich solche Wörter aus) und diesen zugeordnete Schwerpunkte, nämlich den Schwerpunkt „China“ für Leute mit einem Sinologie-Bachelor und den Schwerpunkt „Recht“ für Leute mit Erstem Staatsexamen in Jura – zu den Zulassungsvoraussetzungen gleich noch ein paar Worte. Ich selber habe vor diesem Master Sinologie studiert und entsprechend den China-Schwerpunkt belegt, kann also primär für diese Situation sprechen. Für Juristen mag die Lage in mancherlei Hinsicht anders sein, ich würde mich zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich das beurteilte. Und überhaupt soll jeder studieren, was er möchte. Meine Absicht ist es nicht, ein generelles, für alle aus der Sinologie stammenden Studieninteressierten passendes Urteil zu fällen. Ich möchte vielmehr einerseits der großen Cyberallgemeinheit erzählen, wie es mir erging, und andererseits speziell die Gruppe der Studieninteressierten mit Sinologie-Hintergrund, sofern sie sich unter euch, werte Leserschaft, befinden, auf ein paar Aspekte dieses Studiengangs aufmerksam machen, die diese sonst womöglich nicht bedenken würden – wie die Entscheidung ausfällt, ist aber wirklich nicht meine Baustelle. Es gibt sicherlich auch Menschen, die dieser Studiengang glücklich gemacht hat.

Die Baustelle führt mich dann auch zum zweiten Punkt, damit keine Missverständnisse aufkommen: Nur ich bin daran schuld, in diesem Master hineingeraten zu sein. Ich war ausgesprochen naiv bei der Masterwahl, hätte mich besser informieren und gründlicher überlegen sollen, was ich aber nicht tat – das war mein Fehler. Niemand hat mich gezwungen, niemand hat mich bezirzt, diesen Studiengang anzufangen.

Drittens: Wie manche vielleicht wissen, habe ich meine Masterarbeit letzten Monat abgegeben, habe sie aber noch nicht verteidigt. Entsprechend kenne ich die Note auf diese Arbeit noch nicht und habe somit meinen Abschluss noch nicht in der Tasche. Falls nun jemand denkt, dass es doch vielleicht ein bisschen risky ist, auf einem für alle Welt lesbaren, nicht anonymen Blog seine Abneigung gegenüber dem entsprechenden Studiengang kundzutun, dem möchte ich zweierlei Denkanstöße bieten. Erstens: Gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, einfach aus strategischen Gründen. Denn meine Masterarbeit ist recht lieblos geschrieben, mein Herz hing da schon lange nicht mehr an diesem Studiengang. Entsprechend rechne ich echt mit keiner guten Note, und würde ich warten, bis mir die Noten vorliegen, und erst dann meine Meinung zu dem ganzen Zirkus hinausposaunen, könnte ich mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, dass ich einfach nur unzufrieden mit der Note sei und nun diese Unzufriedenheit in ein „ich fand das ja schon eh immer doof“ kanalisiere und mich so abreagiere. Diesem Tadel möchte ich den Wind aus den Segeln nehmen, bevor er überhaupt entsteht. Zweitens, und deutlich wichtiger: Sich selbst mit einer Meinung zurückzuhalten, nur weil es einen schlechten Eindruck erwecken oder weil man eine schwächere Note erhalten könnte, als wenn man den Mund gehalten hätte, sehe ich als sehr, sehr problematisch. So ein bisschen Rückgrat darf man doch von sich selber verlangen.

 

1. Ein Wort zu mir

Aber fangen wir an, und zwar ganz am Anfang – wie bin ich da überhaupt hineingeschlittert, so in Kurzversion? Mein Hintergrund ist eigentlich die Sinologie, d.h. ich bringe recht solide Chinesischkenntisse (HSK 6) und gefährliches Halbwissen zu „alles mit China“ mit. Bevor diesen Studiengang begann, habe ich Sinologie in Leipzig studiert und 2014 mit einem Bachelor abgeschlossen. Danach war ich ein Jahr in Kunming, habe dort zwecks Chinesischverbesserung rechtswissenschaftliche Vorlesungen als Gasthörerin belegt und in diesem Rahmen angefangen, mich für die chinesische Juristerei zu interessieren. Eine kurze Google-Suche ergab dann, dass es dazu in Göttingen einen kompletten Master gibt. Ich klickte mich also durch die Website des Studiengangs, überlegte ein klein wenig, fuhr nach meiner Rückkehr nach Deutschland mal zur Studienberatung des Instituts, aber viel mehr Grübeln fand nicht statt. Als dann Plan A (Masterstudium in Taiwan) nicht klappte, griff natürlich Plan B: Masterstudium in Göttingen, Chinesisches Recht. Nun ja.

 

2. Der Studiengang

Bevor wir zu den Eindrücken kommen, hier noch ein paar grundlegende Informationen zu dem Studiengang an sich, im Speziellen zu den Zulassungsvoraussetzungen und dem Aufbau. Der Studiengang führt zu einem Doppelabschluss der Universitäten Göttingen und Nanjing und umfasst Semester an beiden Universitäten.

2.1 Zulassungsvoraussetzungen

Wie bereits angedeutet gibt es den Studiengang in zwei Varianten, und zwar mit dem Schwerpunkt „China“ und dem Schwerpunkt „Recht“. In aller Regel belegen Sinologen den Chinaschwerpunkt und Juristen den Rechtsschwerpunkt. Unter bestimmten Voraussetzungen ist es auch andersherum möglich, aber wie genau, entzieht sich auch meiner Kenntnis. In der Praxis sind die Unterschiede auch nicht allzu groß, wie die Struktur des Studiengangs noch zeigen wird.

Für den Schwerpunkt China benötigt man einen Abschluss in Sinologie sowie 36 Credit Points in Rechtswissenschaft, z.B. als Nebenfach. Alternativ können quasi in einem „nullten“, vorgeschalteten Semester diese Credits nachgeholt werden (oder natürlich in mehreren Semestern dieser Art). Ein solches Semester war meine Variante und es klappte auch. Für den Schwerpunkt Recht sind, wenn mich nicht alles täuscht, ein erstes Staatsexamen sowie ein HSK 2-Zertifikat erforderlich, also ein standardisierter Chinesischtest.

2.2 Aufbau

Die größte Unterscheidung zwischen den zwei Schwerpunkten findet im ersten Semester statt, das in Göttingen absolviert wird. Hier belegen die Sinologen Kurse der Sinologie, die Juristen Kurse der Rechtswissenschaften. Sinnvoll? Keine Ahnung. Jedenfalls ist das einzige Mal, das man nennenswerte Auswahl hat, also genieße man es.

Das zweite und dritte Semester verbringt man an der Universität Nanjing. Hier finden dann tatsächlich Kurse im chinesischen (Wirtschafts- und Privat-)Recht auf Deutsch und nur für diesen Master statt, und zwar am chinesischen Standort des Deutsch-Chinesischen Instituts für Rechtswissenschaft. (Das Göttinger Schwesterinstitut verwaltet nur, es forscht und lehrt praktisch nicht). In meinem Jahrgang waren es folgende Kurse:

  • Vertragsrecht
  • Deliktsrecht
  • Gesellschaftsrecht
  • Sachenrecht
  • Wirtschaftsrecht (Wettbewerbsrecht und Immaterialgüterrecht)
  • Verfassungsrecht
  • Strafrecht
  • für Schwerpunkt Recht: Verwaltungsrecht
  • für Schwerpunkt China: Chinesische Rechtsgeschichte und –philosophie
  • Zwei Rechtsvergleichungsseminare als Blockseminare, zusammen mit den chinesischen Kommilitonen aus dem Zwillingsstudiengang zum deutschen Recht

Hier finden also all die rechtswissenschaftlichen Kernkurse statt. Allzu viel Auswahl hat man dann auch nicht mehr, was aber auch irgendwie logisch ist, wenn man sich die Studierendenzahlen ansieht: In meinem Jahrgang waren wir zu dritt. Entsprechend haben wir auch die Kurse besucht, die nicht verpflichtend waren, und ich bin meinen zwei Kommilitoninnen, die beide im Schwerpunkt Recht waren, doch irgendwie dankbar, dass ich, so interessant der Kurs auch war, nicht mutterseelenallein in der chinesischen Rechtsgeschichte saß.

Das vierte Semester ist dann für das Schreiben der Masterarbeit vorgesehen, was man überall tun kann. Ich bin dafür zurück nach Göttingen gegangen, meine zwei Kommilitoninnen haben aber beide zumindest zeitweise anderswo geschrieben und das ging auch. „Viertes Semester“ trifft es übrigens nicht so ganz, es ist mehr so „vier plus X“. Ich bin derzeit im sechsten Semester und habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie lange sich Masterarbeitsbewertung, Verteidigung und (hoffentlich) Zeugnisausstellung noch ziehen.

Ernährungspyramide einer Masterarbeitsphase: Kaffee, Kaugummi, Schokolade. Was ist eigentlich dieses Vitamine, von dem immer alle sprechen?

3. Pro

Nun also zu meinen Erfahrungen mit diesem ganzen Studiengang, die ich mal versuche in Positives und Negatives, in Pro und Contra aufzuteilen. Also, was war gut?

3.1 Interessante Materie

Das chinesische Recht ist supersuperinteressant, wirklich. Es ist ungeheuer dynamisch, es hilft sehr dabei, aktuelle Vorgänge in der Volksrepublik zu verstehen. Aufgrund seines mitunter geradezu hybriden Charakters ist es einfach spannend.

Die Frage, ob es Recht in China überhaupt gibt, ist natürlich eine berechtigte. Ebenso wie die nach der Lage der Menschenrechte und dergleichen. Ich finde es aber ganz wichtig, , sich mit den juristischen Rahmenbedingungen in irgendeiner Form mal befasst zu haben, ehe man all seine Kritik raushaut.

3.2 Betreuungsverhältnis

Unabhängig von der Frage, was Zahlen hierzu überhaupt über die Qualität eines Studienganges aussagen, ist das Betreuungsverhältnis in Nanjing rein rechnerisch echt kaum zu toppen: mehr Dozenten als Studenten gibt es sonst fast nirgends. Die kleine Kursgröße ermöglicht auch eine gewisse Flexibilität, wenn man mal eine Seminarsitzung verschieben möchte, und individuelle Antworten auf Fragen aller Art gibt es auch.

3.3 Interdisziplinärer Ansatz

Der Frage, wie interdisziplinär der ganze Spaß wirklich ist, gehe ich gleich noch nach. Aber zumindest theoretisch sieht sich der Studiengang als an der Schnittstelle von Sinologie und Rechtswissenschaft angesiedelt. Das heißt, dass (ebenso theoretisch) Studenten und auch Wissenschaftler aus beiden Disziplinen miteinander im Austausch stehen und zusammen an Projekten arbeiten, die einen Erkenntnisgewinn nach sich ziehen, den man nicht erreicht hätte, wäre man in der Blase des eigenen Fachs geblieben. So könnte es theoretisch sein.

4. Contra

Liebste Leserschaft, wie ihr schon merkt, mir gehen langsam die Pluspunkte aus. Wenden wir uns also mal dem zu, was mich dazu bewegt, meine Masterwahl für etwas ungeschickt zu halten. Weiterhin alles aus der Sicht des Schwerpunkts China, versteht sich.

4.1 Studiengebühren

Beginnen wir bei einem praktischen Aspekt. Was ich als weniger ideal empfand, war die Tatsache, dass die Zeit in Nanjing pro Semester (!) 1400 € kostet. Einerseits ist es für mich absolut nachvollziehbar, in China Studiengebühren zu erheben, so funktioniert einfach das chinesische Hochschulsystem. Und mein Jahrgang hatte das Glück, dass drei DAAD-Stipendien zur Verfügung standen (um die sich bei drei Bewerbern die Konkurrenz doch arg in Grenzen hielt), die das mehr als ausglichen. Andererseits finde ich es dennoch etwas bedenklich, dass ein Studiengang, der nunmal ein deutsch-chinesischer Doppelabschluss ist, ohne das Entrichten einer nicht geringen Studiengebühr nicht studierbar ist. (Ist das von Deutschland aus überhaupt erlaubt? Man müsste mal einen Juristen Fragen, vielleicht an der Juristischen Fakultät der Uni Göttingen oder so.)

Habe ich dafür eine Lösung, die ich aus dem Ärmel schütteln kann? Nein, natürlich nicht. Für die meisten Punkte nicht, wie ihr noch sehen werdet, weshalb ich mich nie (oder zumindest nie ausführlich) an eine offizieller Stelle gewandt habe. Denn, so pessimistisch das nun klingt, es ist bei vielen Punkten absolut ausgeschlossen, dass sich irgendetwas ändert.

4.2 Verwaltung

Kommen wir zur Verwaltung und ihren Mitarbeitern, über deren Skills man eigentlich auch einen eigenen Blogeintrag schreiben könnte. Aber da ich ja hier primär meine eigenen Erfahrungen wiedergeben möchte, ohne Rückschlüsse auf die ganze Uni Göttingen (bzw. Nanjing) zu ziehen, erzähle ich hier mal von meiner Interaktion mit dem Prüfungsamt der Göttinger Juristischen Fakultät. Zu Folgerungen über Kompetenz, Fleiß und schlichtweg Cleverness der dort Beschäftigten kann dann jeder selber kommen, falls und wie er mag. Ich halte mich da mal zurück.

Wenn ich meine Erfahrungen mit diesem Amt zusammenfassen würde, würde ich sagen, dass einem hier in erster Linie Steine in den Weg gelegt werden. Ein Beispiel gefällig? Gerne, ich nenne sogar mehrere.

Bevor ich meinen Master überhaupt anfing, galt es für mich, die berühmten 36 Credit Points in Jura nachzuholen, wofür mir ein Semester zur Verfügung stand (das Sommersemester 2017, da ich zum Wintersemester 2017/18 anfangen wollte). Das war natürlich ganz schön eng, v.a. wenn man bedenkt, dass der normale Durchschnittsaufwand für ein Semester bei 30 Credits liegt und dass Juraklausuren gerne mal nicht geringe Durchfallquoten aufweisen. Das setzt einen natürlich unter einen gewissen Druck, weshalb ich dann auf die Idee kam, mir ein paar der Jurakurse aus Kunming anrechnen zu lassen. Schwierig, schwierig, ich sage es euch. Ich kann heute nur raten, ob die betreffenden Mitarbeiter schlichtweg nicht wussten, wie in einem solchen Fall zu verfahren ist, und deshalb die Entscheidung immer weiter aufschoben, oder ob sie einfach nicht gewillt waren, mir das aber aus irgendeinem Grund nicht mitteilen wollten (für andere Erklärungsansätze bin ich durchaus offen). Jedenfalls war es dann am Ende tatsächlich entspannter, zwei Juraklausuren mehr zu schreiben, als sich weiter mit dem Prüfungsamt rumzuschlagen. Echt.

Im Master selber dann gab es dann ein gewisses Hinundher mit der Anmeldung der Prüfungen im Göttinger Onlinesystem zur Prüfungsanmeldung namens FlexNow, ein Begriff, der irreführender nicht sein könnte: Das Ding ist so flexibel wie Beton, und now passiert hier mal gar nix. Für die Prüfungen in Nanjing mussten wir uns also in FlexNow eintragen. Im ersten Semester haben wir uns dafür zu dritt zusammengesetzt und versucht zu verstehen, welche Prüfung im System zu welcher Prüfung in der Realität gehörte (da gab es gewisse, sagen wir mal, Abweichungen, weshalb auch immer), und meldeten uns mit vereinten Kräften entsprechend an. Dachten wir. Denn aus irgendeinem Grund standen für uns bei FlexNow Prüfungen zur Anmeldung zur Verfügung, die noch aus dem Jahr (!!) davor stammten. Weshalb so veraltete Prüfungen im System stehen und v.a. warum die Anmeldung für sie nicht geschlossen ist, ist mir ein Rätsel. Wollte man dieses Rätsel lösen, würde eine ganz heiße Spur (logischerweise) zum Prüfungsamt der Juristischen Fakultät in Göttingen führen, das ja offiziell für die Anmeldung über FlexNow zuständig ist. Natürlich lag der Fehler dann aber bei uns. Ja nee is klar.

Im zweiten Semester dann haben wir, da wir gerade bei Fehlern sind, schlichtweg verpeilt uns anzumelden. Es mag zumindest meinerseits an einer Emotion liegen, die sich irgendwo zwischen Masterunlust und Mastergroll verorten lässt. Aber ich gebe gerne zu, dass es mein Fehler war, denn ich hätte daran denken müssen. Nichtsdestotrotz ist es unfassbar, wie lange es seitens des Prüfungsamtes dauerte, das nachzutragen: ein halbes Jahr. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Dieser Zeitraum wurde nur noch getoppt von den Noten aus dem Semester davor: über ein Jahr. Und das nicht, weil die entsprechenden Dozenten der Uni Nanjing mit der Korrektur nicht in die Gänge kamen. Vielmehr lagen die Noten vor und wurden einfach nicht in FlexNow eingepflegt. Was würde jemand in einer solchen Situation tun, der BAFöG bekommt? Ich mag gar nicht darüber nachdenken.

Haben sie auch mal was gut gemacht? Joar, sicherlich habe ich auch einzelne Erfahrungen mit dem Prüfungsamt gemacht, die nicht allzu schlimm waren. Aber die waren immer im Rahmen meines (einsemestrigen) „Jurastudiums“, nicht des Masters, weshalb sie nicht hierher gehören. Mal ganz davon abgesehen: Es ist der Job des Prüfungsamtes, Prüfungsangelegenheiten zu verwalten. Wenn man an einen Punkt gelangt ist, an dem man überlegt, ob man dem Prüfungsamt dafür dankbar sein müsste, dass es seine Arbeit macht, ist ganz gewaltig was schiefgegangen.

Wir erkennen hier also mehrere rote Fäden: Erstens gingen alle genannten Fälle mit einer gewissen Langsamkeit der Bearbeitung eines Anliegens einher, ob beabsichtigt oder nicht, weiß ich nicht. Und zweitens kann zumindest ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Mitarbeiter des Prüfungsamtes entweder das System von Credit Points im Allgemeinen oder aber die Funktionsweise dieses Masters im Speziellen nicht verstanden haben. Aber ich weiß es nicht. Es ist nur so ein Gefühl.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch alles nur kleine Sachen sind, dass der Master doch aber, wie unter dem ersten Pluspunkt beschrieben, sich mit einer interessanten Thematik befasst. Naja. Wenn man ohnehin aus Gründen, die ich gleich noch genauer beschreiben werde, überlegt, das ganze Theater sein zu lassen und den Master zu schmeißen, dann kann eine patzige Mail vom Prüfungsamt tatsächlich der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ich selber habe mich bei diesem Studiengang mit diversen Problemfeldern konfrontiert gesehen, bei deren Bewältigung mir die diversen Verwaltungsmiseren nicht gerade halfen.

4.3 Sinologisches

Kommen wir nun zu der großen Frage, einer Frage, die ich mir vor der Masterwahl zumindest kurz hätte stellen sollen, und auf die jeder Sinologe, der sich für diesen Master interessiert, eine eigene Antwort finden muss. Nämlich: Ist dieser Master für mich mit meinem Sinologie-Hintergrund sinnvoll?

Da setzt natürlich jeder andere Schwerpunkte, und das ist natürlich auch gut so, denn wir können ja nicht alle die gleichen Interessen haben. Also wieder: Hier folgt meine Sicht.

4.3.1 Nanjing, seine Bibliothek und ich

Es ist jetzt etwas schwer zu formulieren, aber meinem Eindruck nach könnte man die Nanjinger Kurse, die ja die Hauptkurse sind, meistern, ohne auch nur ein Wort Chinesisch zu können. Von allen Klausuren in Nanjing gab es lediglich eine, die Chinesischkenntnisse abfragte, zwar nur in einem kleinen Teil zur Übersetzung von Fachbegriffen, aber immerhin. Das war jedoch die einzige. Manchmal gab es einzelne Folien auf Chinesisch in den Seminaren, ohne deren Verständnis man aber auch ganz solide durchgekommen wäre.

Etwas umgekehrt sieht es bei dem Jurawissen aus. Zumindest für mich waren die 36 Credits aus dem Semester vor dem Master bei Weitem nicht ausreichend, um bei den Seminaren vernünftig mitzukommen. Das chinesische Recht hat einiges aus dem deutschen übernommen, was natürlich ein Träumchen für deutsche Juristen ist, müssen sie sich doch eigentlich nur die Unterschiede einprägen und nicht alles von Grund auf lernen (ich glaube, wenn ich einen Jurahintergrund gehabt hätte, hätte ich in Nanjing mal so richtig schön gechillt und erst vor den Klausuren mir tatsächlich mal meine Mitschriften ein bisschen angeguckt. Aber darum geht es hier nicht). Bei einem Kurs von drei Leuten kann man natürlich dem Dozenten Fragen stellen, wenn man etwas nicht verstanden hat oder einen Begriff noch nie gehört hat. Nur kann eine auch noch so gute Antwort nicht ein längeres Beschäftigen z.B. mit einem bestimmten Rechtsinstitut im Rahmen eines Jurastudiums ersetzen. Natürlich ist es möglich, entsprechende Wissenslücken aufzufüllen, und auf Staatsexamensniveau muss man das deutsche Recht auch nicht verstanden haben, um in den Lehrveranstaltungen mitzukommen. Das heißt aber: Mit Hobbys, Chinaerkundungen, Restauranttesten und sozialer Interaktion wird es verdammt eng (nicht nur aber auch wenn man noch Hausarbeiten für Göttingen in seiner Wohnheimsbude rumliegen hat, aber lassen wir das), denn man wird viel Zeit in Nanjings Bibliotheken verbringen und sich irgendwann fragen, warum es eigentlich nötig war, überhaupt nach China zu fliegen. Zumindest ging es mir so.

Nun könnte man natürlich einwenden, naja, dafür bekommt man als Sinologe eben mehr Wissen vermittelt, man holt also mehr aus seinen schmerzhaft geblechten Studiengebühren raus, als wenn man schon mit umfangreichem (deutschem) juristischen Wissen im Gepäck nach Nanjing fliegt. Jein, das stimmt nur so halb. Ja, es ist mehr Neues. Nein, man hat nicht mehr davon, zumindest ging es mir nicht so. Denn wenn man spätestens nach der Hälfte einer Vorlesung nur noch Bahnhof versteht, kann man diesen Bahnhof natürlich bis zur nächsten Sitzung nacharbeiten. Man kann dann aber auch nur noch sehr schwer in dieser Hälfte der Vorlesung folgen. Hat man dann den Bahnhof aus der Welt geschafft, versteht man von der nächsten Sitzung dann wieder nur den Anfang. Und wenn man primär damit beschäftigt ist, einen Inhalt überhaupt mal zu verstehen, kommt man gar nicht dazu, ihn zu reflektieren, ihn einzubetten, in irgendeiner Form mit ihm zu arbeiten. Ich glaube ehrlich gesagt, dass mir ein Master in Sinologie letztlich mehr neues Wissen gebracht hätte, einfach weil es mir möglich gewesen wäre, Gedanken weiterzuentwickeln und auf neue Ideen zu kommen.

Ein Teil von mir denkt, naja, es ist doch logisch, dass Kurse in einem Fach namens „Chinesisches Recht“ sich primär mit Recht und sekundär mit China beschäftigen. Denn Recht ist schließlich Recht, egal in welchem Kontext es entstand und in welcher Sprache es fixiert ist. Das mag sein – und darüber hätte ich nachdenken sollen, bevor ich mich für den Studiengang einschrieb, und ich hoffe wirklich, dass die anderen Sinologen, die sich für diesen Master entscheiden, sich darüber im Klaren sind. Im Übrigen habe ich zwei Gegenbeweise, die zeigen, dass es auch anders geht: Im Kurs Verwaltungsrecht hatten wir einen Dozenten, der sowohl chinaspezifische als auch rechtsspezifische Fragen stellte, und ich hatte das erste Mal seit Langem das Gefühl, irgendwie von meinem Chinawissen zu profitieren. Zweiter Gegenbeweis: Als ich in der Bibliothek des Instituts saß, hörte ich einmal ein zivilrechtliches Seminar für unsere chinesischen Kommilitonen zum deutschen Recht über den Flur. Der Kurs war komplett auf Deutsch und der Inhalt kam mir sehr bekannt vor, es ging um die verschiedenen Arten des Irrtums im BGB, die ich auch in meinem einen Jurasemester gelernt hatte. Und da dachte ich, das wäre doch ideal für mich, ein Kurs in der Fremdsprache, dafür aber Grundlegendes ausführlich erklärend. Aber auch darüber hatte ich nicht nachgedacht (da wir gerade bei Irrtümern waren…). Es ist auch wieder so ein Fall von „es wird sich eh nicht ändern“, denn es ist absolut undenkbar, für diesen Master im Chinesischen Recht ein sprachliches Niveau vorauszusetzen, das die wenigsten Juraabsolventen mitbringen werden.

Master macht Spaß (ich habe noch mehr Bilder dieser Art)
4.3.2 Die Sache mit den Gesetzen…

Man befasst sich also im Rahmen der Nanjinger Vorlesungen, die ja neben den „belegt mal was ihr wollt-Kursen den Hauptteil der Lehrveranstaltungen des Masters bilden, mit diversen Gesetzen, was zunächst auch naheliegend für ein rechtswissenschaftliches Studium ist. Und auch durchaus wichtig.

Eine Eigenschaft von Gesetzen weltweit ist, dass sie sich ändern, z.B. weil sich gesellschaftliche Normen liberalisiert haben oder weil ein neues Verhalten mit einem bestimmten Unrechtsgehalt auftritt, dass geahndet werden soll. Das alles trifft auf China genauso zu. Doch in China ändern sich Gesetze öfter als anderswo, oder werden einfach ersetzt. Über die Gründe verliere ich im nächsten Abschnitt noch ein paar Worte, hier sei mehr so auf praktische Implikationen verwiesen. Man beschäftigt sich also ein Semester lang mit einem bestimmten Gesetz, das aber ein Semester später schon obsolet sein könnte. Es muss nicht unbedingt bedeuten, dass in der neuen Fassung allzu viele Änderungen zu finden sind. Aber es macht es nicht unbedingt leichter, sich damit auseinanderzusetzen. Natürlich muss man dann damit leben, aber was ich sagen will: Auch darüber hätte ich vorher nachdenken sollen.

Bei aller Gesetzeleserei, so wichtig sie auch ist, fallen einige Sachen hinten runter, die mich an Gesetzen als Sinologin durchaus interessiert hätten: ihr jeweiliges institutionelles Umfeld, ihre Entstehungskontexte, ihr politischer Hintergrund, vielleicht auch ihr kultureller. Nun ja, mag da manch einer denken, wenn du über sowas lernen willst, bist du dann nicht schlichtweg im falschen Master? Ja, mein Freund, richtig erkannt. Das bin ich ganz und gar.

4.3.3 …und die Sache mit dem Recht

Zurück zum vorherigen Gedanken: Gesetze in China ändern sich ständig, und das hat verschiedene Gründe, von denen einige chinaspezifisch sind. China wandelt sich zumindest in manchen Bereichen wahnsinnig schnell, Gesetze müssen also versuchen, Schritt zu halten. Außerdem herrschte nach der Kulturrevolution ein gewisses legislatives Vakuum, dessen Löcher bis heute nicht an allen Stellen gestopft sind, weshalb es auch einfach nötig ist, viele Gesetze zu erlassen. (Erwähnte ich bei den Vorteilen die Dynamik des chinesischen Rechts? Es ist spannend, aber manchmal auch unübersichtlich). Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Gesetze sind oftmals auch Mittel zum Zweck.

Wessen Mittel, wessen Zweck? Nunja. Es gäbe da noch eine Institution, die mal ganz offenkundig, mal ganz verborgen agiert, eine Institution, die Universitäten, Krankenhäuser, Verwaltungsorgane, größere Firmen, Medien, you name it, der Volksrepublik ganz gut im Griff hat: die Kommunistische Partei. Es würde jetzt viel zu weit führen, das en detail zu erläutern (manchmal muss man Staat und Partei ganz klar trennen, manchmal kann man das eine nicht ohne das andere denken), aber es sei nur mal auf den Gesetzgebungsprozess in China verwiesen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie ein Gesetz in den Nationalen Volkskongress eingebracht werden kann, z.B. über ein Ministerium oder eine bestimmte Anzahl Abgeordnete. Doch in China ist diesen immer noch ein Schritt vorangestellt – die Partei legt einem der möglichen offiziellen Einbringer einen Entwurf vor, den diese dann in den NVK einbringen, der ihn dann wiederum durchwinket. (Davon mal ganz abgesehen müssen Gesetzesänderungen ggf. gar nicht im NVK abgestimmt werden, dessen knapp 3000 Abgeordnete ohnehin nur ein Mal im Jahr tagen).

Ich bin der Meinung, dass man bei jeder Beschäftigung mit dem chinesischen Recht immer die Bedeutung der Partei mitdenken und auch ihre Funktionsweisen verstehen muss. Was ist das Politbüro und sein Ständiger Ausschuss? Was ist das Zentralkomitee? Wer ist wem gegenüber weisungsgebunden? Wie funktioniert die berühmte „Doppelstruktur“, bei der jedes staatliche Organ einem Organ der Partei entspricht? Welche Bedeutung hat die Zentrale Disziplinarkommission der Partei bei der Korruptionsbekämpfung? Und warum um alles in der Welt ist das Internet langsam und die Straßenküche abwesend, wenn in Peking Parteitag ist? Nur so kann man das chinesische Recht wirklich verstehen, finde ich.

Halt, fiel da gerade das Wort Recht? Gibt es das in China überhaupt? Tja, gute Frage. Im Rahmen dieses Masters findet diese Frage jedenfalls keine Antwort. Mir scheint, ein passenderer Name für diesen Studiengang wäre „Chinesische Gesetze (und ein bisschen Rechtsgeschichte)“. Denn man beschäftigt sich viel mit Gesetzen, aber nicht unbedingt mit Recht.

 

Fazit

Tja. Das waren viele Informationen, aber ein Fazit fällt mir echt schwer. Für mich selber war der Masterstudiengang auf jeden Fall die verkehrte Wahl, denn ich passe einfach nicht zu ihm. Zugleich bedeutet das natürlich keineswegs, dass auch sonst niemand zu ihm passt. Auch unter den Sinologen, immerhin Vertreter eines sehr breiten (und übrigens ganz fabelhaften) Fachs, mag es Studenten geben, deren Interessen, Vorwissen und Talente gut mit den in diesem Master vermittelten Inhalten harmonieren.

Verbesserungstipps habe ich eigentlich auch nicht, leider. Ein bisschen anmaßend wäre es auch, zu sagen, wie sich der Master verändern müsste, damit spezifisch ich, Charlotte, mich in ihm wohler fühle.

Aber YOLO und so. Nehmen wir mal, ich lebe in einer Welt, in der alles nach meiner Pfeife tanzt. Hier also Charlottes utopische Tipps für diesen Studiengang:

  • eine Umgestaltung der Nanjinger Kurse derart, dass mehr auf „sinologische“ Inhalte eingegangen wird – in welchen Kontexten bewegt sich das chinesische Recht (ja, Recht)? Also, unter welchen politischen, kulturellen, institutionellen Vorzeichen steht es? Wie wird es umgesetzt? Welchen gesellschaftlichen Stellenwert nimmt es ein? Welche Rolle spielt es bei aktuellen Geschehen in der Volksrepublik? Und zur chinesischen Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie lässt sich auf jeden Fall mehr sagen, als ein einziges zweistündiges Seminar pro Woche es vermittelt. Natürlich ist das bei einem insgesamt viersemestrigen Studiengang schwer zu leisten, und von Wahlmöglichkeiten kann man bei einer Kursgröße von drei Leuten auch nur träumen. Aber hier geht es ja um Utopie (ich habe euch gewarnt). Oder aber das andere Extrem: den Studiengang nur noch für Juristen anbieten, alles Chinaspezifische so gut es geht ausklammern und dafür ein höheres Niveau an rechtswissenschaftlichen Inhalten erreichen. Vielleicht auch nicht schlecht, und manch einer würde vor einem Fehler bewahrt (ja, damit meine ich mich selber).
  • vielleicht noch die realistischste (sofern dieses Adjektiv steigerungsfähig ist) Idee: die Kurse des ersten Semesters in Göttingen umkehren. Sprich: Jurakurse für Sinologen, Sinologiekurse für Juristen. So wird es vielleicht doch noch was mit der Interdisziplinarität, und außerdem verringert sich dann die Wissensdiskrepanz zwischen den Studenten der beiden Schwerpunkte zumindest ein bisschen.
  • den werten Menschen beim Prüfungsamt erklären, wie unser Studiengang funktioniert und wie man FlexNow bedient. Ach, man könnte ihnen vielleicht noch Anderes erklären, aber es wäre ein Schritt. Meine Prognose wäre, dass die entsprechenden Mitarbeiter darauf wenig Lust haben, aber hier gerate ich ins Spekulieren.
  • sich mal mit diesen Nanjinger Studiengebühren befassen und sie nicht so sehr unter den Tisch fallen lassen, wie es derzeit getan wird.

 

Liebe Leserschaft, habt herzlichen Dank, dass ihr bis hierhin durchgehalten habt. Es war ein langer Text, ich weiß, aber es hätte ihm nicht gutgetan, in mehrere Folgen einer Miniserie aufgebrochen zu werden.

Versuch eines Lächelns am Tag der Masterarbeitsabgabe (das Objekt der Schande befindet sich in der blauen Tüte)

Noch ein Wort zum Abschluss: War ich die ganze Zeit so unzufrieden wie jetzt? Ehrlich gesagt nein, so die ganz große Frustration setzte erst vor zwei oder drei Semestern ein. Davor ging es mir auch nicht gerade gut mit dem Studiengang, aber aus einer Mischung aus Verdrängen, Schönreden und dem Hoffen auf ein besseres „nächstes Semester“, das aber nie kam, heraus war es noch nicht ganz so schlimm. Aber jetzt wo ich endlich wieder etwas Schönes mache, fällt mir der Kontrast natürlich deutlicher auf.

Liebe Leserschaft, wie seht ihr das mit der Auswahl eines passenden Studiengangs? Falls sich unter euch tatsächlich jemand befindet, der mit diesem Master liebäugelt und ein paar Fragn hat, schickt mir gerne eine Nachricht, ich beiße nicht.

Eure irgendwie immer noch oder schon wieder erholungsbedürftige Charlotte

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