unterwegszeilen

geschichten vom tapetenwechsel

(Reise)Grübeleien

Reisestärken, Reiseschwächen

Oder: Warum jeder die Reisefähigkeit in sich trägt. Ansichten einer polyglotten Flugphobikerin

Bild: Stärke: Schilder lesen. Schwäche: Nachfragen stellen.

Liebe Leserschaft,
da bin ich wieder. Letzte Woche waren meine Schwester und ich auf einer sehr sehr schönen Reise, welche uns nach Cusco und Puno und somit auch nach Machu Picchu und an den Titicacasee führte, alles sehr beeindruckend und definitiv eigene Blogeinträge wert. Es war auch meine erste richtige Reise seit meiner Ankunft in Peru Mitte August, und ich habe wieder einmal gemerkt, wie gut es mir tut, gelegentlich unterwegs zu sein und neue Eindrücke zu sammeln.
Das mit der Reiserei ist natürlich immer so eine Sache. Ich gebe zu, es erst etwas spät begriffen zu haben, aber: Es gibt Menschen auf der Welt, die reisen nicht gerne. Es ist nicht so, als fehlte ihnen das Geld. Oder der Wille. Oder die Zeit. Sie sind einfach am heimischen Kamin glücklicher als auf dem mies gepolsterten Sitz eines Nachtbusses. Wenn sie abschalten möchten, lesen sie Zeitung, kochen ihr Lieblingsgericht oder gehen ins Kino. Nichts, was mit dem Kauf einer Fahrkarte in ferne Gefilde verbunden wäre. Reiserei mit ihrem Flughafengehetze, Ein- und Ausgepacke und mitunter täglichem Kontakt zu neuen Menschen, auf die man möglicherweise schlichtweg keine Lust hat, ist für sie anstrengend und purer Stress.
Dieser Schar Menschen kann man natürlich nur zu ihrer genauen Kenntnis ihrer selbst und ihrem tadellosen ökologischen Fußabdruck gratulieren. Von ihnen zu unterscheiden ist jedoch noch eine gänzlich andere Gruppe: die des „ich würde gerne reisen, aber ich kann das nicht so gut.“ Geld ist da, Wille irgendwie auch, Zeit sowieso, aber was eben auch da ist, ist die Vorstellung, manche Leute seien zum Reisen geschaffen und manche eben nicht, egal wie sehr sie es auch möchten. Und dieser Einstellung möchte ich mal ganz vehement widersprechen.
Reiserei ist nämlich etwas, wozu jeder die Fähigkeit in sich trägt. Klar, manchen ist nicht danach, und das ist natürlich in Ordnung. Oder es stehen externe Faktoren im Weg (leere Reisekasse, knapp bemessene Urlaubstage). Aber theoretisch kann es jeder Mensch tun, denn jeder Mensch hat irgendwie Talente, die er auch in diesem Bereich einsetzen kann. Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch, dass jeder Reisende sich auf seinen Pfaden auch mal selbst im Weg steht – wie bei allem anderen im Leben auch.
Und obgleich es immer ein bisschen ungünstig ist, sich selber als Beispiel für irgendwas, egal wofür, zu nehmen, werde ich hier genau das einmal tun, einfach um zu demonstrieren, dass manche Fähigkeiten und Charakterzüge an mir die Reiserei erleichtern, aber dass andere Aspekte meiner Persönlichkeit in dieser Hinsicht eigentlich eher hindern. Es ist ein bisschen wie die berühmten Stärken und Schwächen der Bewerbungsgesprächratgeber: Man hat sie halt irgendwie, sollte sich halbwegs über sie im Klaren sein und schafft es idealerweise, beide zu seinem Vorteil einzusetzen.
Deshalb bitte ich diejenigen in meiner werten Leserschaft, die auf Storys aus Machu Picchu lauern, um noch ein wenig Geduld. Denn: Es ist Nähkästchen-Time, Charlotte plaudert jetzt hemmungslos über sich selber.

Was hilft mir beim Reisen?

  • Fangen wir an. Was mir wirklich immer wieder zugutekommt, ist die Tatsache, dass mich kein Fortbewegungsmittel schreckt, mit einer Ausnahme, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen werde. Klapperiger Bus? Kein Problem. Auf einem Motorrad mitfahren? Immer her damit. Autofahrer mit Road Rage? Solange es sie wach hält. Züge, Tuktuks, Schiffe, alles wunderbar. Und was ist eigentlich ein Fahrradhelm? Treue Blogleser wissen, welches Vehikel hier die große Ausnahme bildet: das Flugzeug. Schlimm sowas. Aber dazu gleich noch mehr.
Fahrradfahren geht immer (Wuxi, China 2017).
Fahrradfahren geht immer (Wuxi 无锡, China 2017).
  • Ein erst in den letzten Jahren wirklich entfalteter (Pun intended) Skill: wenig packen. Ich versuche mein Gepäck immer so leicht wie möglich zu halten. Für die meisten Reisen reichen eben drei T-Shirts, zwei Hosen und ein Paar Schuhe. Noch ein bisschen Duschgel, Unterwäsche, ein gutes Buch, Handy mit Ladegerät, Portemonnaie, fertig. Es erleichtert einem im wahrsten Sinne des Wortes die Fahrt.
  • Ich lerne halbwegs gut Sprachen. Nicht so gut wie manche Menschen, aber, bei aller Bescheidenheit, eben doch schneller als andere. Und mit Englisch, Chinesisch, Spanisch und Deutsch hat man einen nicht ganz unbeachtlichen Teil der Welt schonmal ganz gut abgedeckt.
  • Außerdem ist mir die Vorstellung fremd, dass der Konsum einzelner Lebensmittel an bestimmte Tageszeiten geknüpft sei. Soll heißen: Pizza zum Frühstück und Müsli zu Abend ist für mich auch im nicht-Reisealltag keinerlei Problem. Es macht einem wirklich manches leichter. Wer sich das nicht so genau vorstellen kann, achte bei der nächsten Chinareise mal darauf, wie viele Ausländer sich für Nudeln zum Frühstück begeistern können. (Für mich mit viel Chili, bitte).
Morgens, mittags oder abends? Malatang 麻辣烫 (hier aus Yichang 宜昌, China 2017) ist für mich unabhängig von der Uhrzeit lecker. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber meiner absolut!
Morgens, mittags oder abends? Malatang 麻辣烫 (hier aus Yichang 宜昌, China 2017) ist für mich unabhängig von der Uhrzeit lecker. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber meiner absolut!
  • Ich kann überall schlafen. Zugiger Flughafen, brettharte Zugsitze, KFC: Geht alles. Ausnahme sind hier wie immer sich in der Luft befindliche Flugzeuge. Wie soll man da denn die nötige innere Ruhe finden.
  • Meine Komfortzone zu verlassen, ist selten wirklich ein Problem (zu Ausnahmen komme ich gleich noch), bzw. ich nehme es oft nicht als solches wahr. Schlafsaal mit 23 anderen Leuten? Hauptsache niemand schnarcht (Faustregel: Irgendwer schnarcht immer). Etwas Neues essen? Man reiche mir Gabel oder Stäbchen. Angestarrt werden? Geht mittlerweile auch wieder, wenngleich ich auch erwähnen muss, eine Zeitlang manchmal genervt davon gewesen zu sein. Im Nachhinein wundert mich das selber. Und ich kann über mich selber, absurde Situationen und die Kombination aus beidem lachen.
  • Wirklich planen muss ich eigentlich wenig, und bei Dingen, die irgendwie mindestens eines rudimentären Plans bedürfen, reicht mir dann eben dieser. Es entspannt so vieles.
  • Ich halte mich für halbwegs unempfindlich, was öffentliche Toiletten betrifft. Auch stille Örtchen, die zum Hocken bestimmt oder hygienisch grenzwertig (oder gar jenseits der Grenze) sind, erfüllen ja irgendwie ihren Zweck.

Was fällt mir auf Reisen schwer?

  • Genug Selbstlob, das ist nie gut. Eine meiner größten Herausforderungen beim Reisen ist meine Reiseübelkeit. Wenn ich an kurvenreiche Fahrten durch Gebirge auch nur denke, wird mir flau im Magen. Meine absoluten Helden sind daher Leute, die im Auto lesen können, da werde ich richtig neidisch.
  • Ich frage ungern praktische Dinge, klassisches Beispiel ist da wohl das berühmte Nachdemwegfragen, welches manchen Menschen so gar keine Probleme bereitet. Und dann gibt es Leute wie mich, die es vorziehen, mehrmals im Kreis zu laufen, ungeachtet von Wetter, Uhrzeit und Gepäck, ehe sie irgendjemanden ansprechen. Es gibt da natürlich noch andere Fragen – „wo ist das Museum?“ (zu ignorant gegenüber der Tatsache, dass die Menschheit Schilder erfunden hat, die mancherorts zwar rar gesät und manchmal auch nur so halb zutreffend sind, aber dennoch eine grobe Orientierung bieten). „Wann kommen wir an?“ (zu planend, man kann doch einfach mal ein bisschen aus dem Fenster schauen und den inneren Terminkalender, den die moderne Leistungsgesellschaft einem verpasst, zuklappen). „Ab wann gibt es Frühstück?“ (zu unrealistisch. Höchstens frage ich, bis wann es Frühstück gibt.) Fragen hat für mich immer etwas Hyperplanendes. Und, auch das muss man hier erwähnen, ich bin einfach schüchtern.
  • Ich habe Flugangst! (Ihr auch?) Mich versetzt eigentlich alles am Fliegen in helle Panik. Der Geruch nach Kerosin, die Turbulenzen, jedes erdenkliche Geräusch (da ist doch was kaputt), die plötzliche und unerklärliche Abwesenheit von Geräuschen (da ist doch jetzt aber wirklich was kaputt), alles. Das hindert natürlich sehr beim Reisen, aber andererseits erlebt man auf Zugfahrten einfach mehr.
  • Da wir bei Ängsten waren: Mulmig wird mir auch bei frei laufenden Hunden, auch hier sowohl, wenn ich sie sehe (der da hat es auf mich abgesehen) als auch wenn ich mal keine sehe (die rotten sich hinter mir zusammen). Hier in Peru gibt es tatsächlich auch einige, aber wie ihre Kollegen in Asien chillen sie meistens im Schatten und interessieren sich eher weniger für Zweibeiner. Und gucken manchmal niedlich.
Ich gebe zu: Einige sind auch ganz possierlich. Dichter traute ich mich dennoch nicht heran (bei San Ignacio, Perú 2019).
Ich gebe zu: Einige sind auch ganz possierlich. Dichter traute ich mich dennoch nicht heran (bei San Ignacio, Perú 2019).
  • Ich friere furchtbar schnell, weshalb Ziele in kalten Gefilden etwas schwer für mich sind. Aber dafür komme ich mit Hitze ganz gut klar. Man kann es sich halt nicht aussuchen.
  • Gemeinschaftsduschen. Einfach nein.

Liebe Leserschaft, beide Listen ließen sich noch lange fortführen, aber ich denke, der Gedanke wird deutlich. Niemand ist perfekt für das Reisen, ich sowieso nicht, aber auch generell gibt es Weltenbummler mit pingeligen Essensgewohnheiten, Globetrotter mit leichtem Schlaf oder Jetsetter mit Snail Syndrome – man muss immer Haus und Hausstand dabei haben. Aber wenn einen das Fernweh überkommt, sollten derlei Schwierigkeiten einen nicht davon abhalten, mal einen kleinen Tapetenwechsel vorzunehmen. Reisen macht viele Menschen sehr, sehr glücklich. Also Täschchen gepackt und los!

Eure jetzt erstmal das Täschchen ihrer jüngsten Reise auspackende Charlotte

PS: Der Text auf dem Schild im Cover Image klärt über Öffnungszeiten und Eintrittspreise eines Museums im chinesischen Nanjing auf.

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