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(Reise)Grübeleien

ABCD: A Bad China Day (oder Peru oder Germany oder…)

Manchmal klappt's halt alles nicht so ganz. Nanjing (Jiangsu), 2017

Oder: Was macht man da?

Liebe Leserschaft,

heute ist Samstag und ich habe frei. Schon den ganzen Freitagnachmittag freute ich mich darauf, am heutigen Tag einer meiner Lieblingstätigkeiten nachzugehen: Ausschlafen. Ich liebe es. Aufwachen ohne Wecker, nochmal umdrehen, dösen, zweite Tiefschlafphase einleiten, irgendwann allmählich erwachen und eigentlich gleich zum Mittagessen übergehen. Guter Plan? Fand ich auch.

Diese Rechnung jedoch hatte ich ohne die Baustelle vor dem Gebäude nebenan gemacht. Denn diese riss mich zu einer Zeit aus dem Schlaf, die definitiv für mein Schlummern vorgesehen war und die in Deutschland als Nachtruhe zu klassifizieren gewesen wäre. Doch es war nichts zu machen: Wach ist wach, Baustelle ist Baustelle. Und so griff Plan B: Aufstehen und einer anderen Lieblingstätigkeit nachgehen, nämlich dem Blogschreiben. Nicht zuletzt, damit der heutige Tag nicht der erste ABPD meiner Peruzeit wird.

ABCD als solcher (und die Sache mit dem Warum)

Beginn von ABCD? Lustlos in Nanjing (Jiangsu), 2017.

Der erste was? Ich gebe zu, die Abkürzung ABPD habe ich mir gerade ausgedacht. Aber sie fußt auf einem Begriff, der unter Expats in China altbekannt ist, und zwar dem ABCD: A Bad China Day. Ein Tag in China, an dem einfach nichts klappt, und man erkennt, sei es nun berechtigt oder nicht, in irgendeiner Form China als Übeltäterin hinter der ganzen Sache. In der light-Version könnte ABCD so aussehen: Ihr steht auf, es ist Winter und ihr lebt südlich der Heizungsgrenze, also friert ihr. Ihr möchtet zur Uni oder zur Arbeit fahren, aber der Bus kommt nicht, weil es schlichtweg keinen Fahrplan gibt, oder ihr steckt so massiv im Stau, dass ihr eigentlich gleich wieder umdrehen und in euer kaltes Bett krabbeln möchtet. An eurem Ziel werdet ihr von den Chinesen eures Vertrauens begrüßt, die ihr durchaus ins Herz geschlossen habt, aber trotzdem ist euch gerade nicht danach, Fragen nach dem Gehalt der Eltern, der eigenen Partnersuche oder nach deutschen Diktatoren zu beantworten. Mittags gibt es irgendetwas zu essen, was eurer Zunge wirklich sehr, eurem Magen aber leider nur so halb gefällt. Abends löchern euch die Blicke der anderen Kunden in eurem Lieblingsrestaurant. Wenn ihr dann eingepackt in drei Schichten Kleidung in euren Mumienschlafsack klettert, in dem Wissen, dass es auch heute Nacht kalt wird, macht sich unter Umständen eine gewisse Genervtheit in eurem Herzen breit. Ouh Mann, China, warum warum warum? Es könnte doch alles so einfach sein.

Ich glaube, solche Tage können einem in jedem Land passieren. Bad Peru Day, light: Morgens Baustelle, vormittags brütende Hitze und keine Klimaanlage, mittags Flucht vor Straßenhunden, abends laute Fiesta der Nachbarn. Bad Germany Day, light: Morgens Post von der GEZ, vormittags E-Mail-Krieg mit dem Prüfungsamt, mittags schon wieder kein funktionierendes Internet, abends die personifizierte Unfreundlichkeit bei Rewe an der Kasse. Warum warum warum? Es könnte doch alles so einfach sein.

Ich schreibe light, weil es nur wirklich die light-Version der ABCD/ABPD/ABGD ist. Denn es kann einem noch viel Schlimmeres begegnen: Umweltverschmutzung, Rassismus, soziale Ungleichheit, was weiß ich. Da bewegen wir uns vielleicht (?) schon an der Grenze zum Kulturschock.

Doch zurück zum Warum. Was als eine Bedeutung daherkommt, sind eigentlich zwei (oder mehr?). Das erste, interessierte Warum möchte etwas verstehen. Warum sind in Deutschland fast alle Geschäfte sonntags geschlossen? Warum fällt in Peru ab und an der Strom aus? Warum ist Weixin in China so beliebt? Hier möchte man verstehen, warum etwas so oder so ist, welche Hintergründe eine bestimmte Erscheinung hat oder wie sie sich über die Zeit entwickelte.

Gleich und doch nicht gleich: Die zwei Warums.

Das zweite, missgelaunte Warum hingegen ist gefärbt: Warum muss man eigentlich für alles in Deutschland irgendeinen Verwaltungsvorgang durchstehen? Warum sind die Leute in Peru nie pünktlich? Warum gucken mich Chinesen immer an, als wäre ich irgendein Alien? Diese Warums möchten gar keine objektive Antwort. Das erkennt man erstens daran, dass sie voller Verallgemeinerungen und somit von vornherein unzutreffend sind (ich habe schon viele pünktliche Peruaner erlebt und ebenso viele Chinesen, für die mein Erscheinungsbild ausgesprochen uninteressant war. Und auch die deutsche Bürokratie kann sehr effizient sein, wenn sie nur will. Aber lassen wir das, denn mit so etwas möchte die zweite Variante des Warums sich gar nicht erst beschäftigen). Zweitens fällt an diesen Fragen auf, dass sie mit einem bestimmten Unterton vorgebracht werden, nämlich einem restlos genervten, einem frustrierten.

Und das sind die Fragen, die ABCD ausmachen. Es geht beim ABCD gar nicht um eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, die einem einiges an Geduld abverlangen. Das Problem liegt viel, viel tiefer, es ist eher eine Frustration gegenüber einem bestimmten Land, seiner Bevölkerung, seinen Abläufen. In manchen (weniger light-en) Fällen mag es auch daran liegen, dass man sich mit etwas konfrontiert sieht, was einen sehr beschäftigt, aber in kein bekanntes Muster passt, womit man also nicht so recht umgehen kann, weil es im eigenen Kopf keine Projektionsfläche dafür gibt, keinen Punkt auf dem eigenen geistigen Koordinatensystem. Das Ergebnis: Überforderung und dann Frustration.

Ich habe also mal für euch, meine werte Leserschaft, ein bisschen mein Brain gestormt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es für den Umgang mit ABCD, wie bei allen schwierigen Lebenslagen, zwei Methoden zur Lösung gibt: Ablenkung und Konfrontation.

Ablenkung vom ABCD

Euch nervt etwas? Ihr könnt probieren, euch auf andere Gedanken zu bringen, es ist in vielen Fällen einen Versuch wert – vor allem am Anfang, wenn sich ABCD anbahnt, aber noch nicht voll entfaltet hat. Ein paar Ideen dazu:

  • Musik: dieses eine Lied oder diese eine Band, die euch immer aufheitert oder zumindest das Gefühl verleiht, in eurem Frust verstanden zu werden. Ich empfehle da natürlich BelaFarinRod, aber jeder hat da wohl seine eigene Musik.
  • Sport: zugegebenermaßen nicht unbedingt meine Ablenkungstaktik, aber manchen hilft tatsächlich eine Runde Joggen oder ein Besuch im Fitnessstudio, um Glückshormone auszuschütten. Jeder Mensch ist anders…
Ein bisschen Bewegung in Chengdu!
  • Meditation: Mag etwas nach Hippie klingen, kann aber einen Versuch wert sein. Dieses Internet hält Apps dafür bereit.
  • Lesen! Kaum ein schönerer Weg, dem Alltag zu entfliehen.
  • Produktivität: Oder kanalisiert die Frustration in Produktion! Backen ist da so ein Klassiker, oder Putzen. Und falls ABCD danach immer noch nicht weg ist, habt ihr immerhin eine saubere Bude und leckeren Kuchen.
  • Einigeln: Es ist auch absolut legitim, mal seine Zimmertür zu schließen und alles, was einen überfordert, draußen zu lassen, und den Tag in dem Wissen abzuhaken, dass morgen besser wird. Pro-Tipp: Handy aus.

Wenn Ablenkung nicht wirkt: Umgang mit ABCD-Gedanken

Klappt alles nicht? Das ist bedauerlich, aber gleichzeitig auch irgendwie eine Chance, sich mal mit der eigenen emotionalen Gemengelage zu befassen. Denn Emotionen sind alle irgendwo legitim, und ihnen ein bisschen Raum zu geben, ist in aller Regel nicht die schlechteste Idee. Aber wie und worüber genau? Auch dafür hat Unterwegszeilen natürlich Listchen parat. Also:

Wie?:

  • Schreiben: Sachen zu Papier bringen! Es kann ein Blog sein oder ein Tagebuch, genauso aber auch ein Zettel mit wirren Gedanken, den ihr danach aufhebt oder auch nicht.
  • mit anderen Menschen reden: Seid ihr „the talking kind“? Vielleicht gibt es in eurem Umfeld Menschen, die schonmal ABCD hatten oder zumindest China (oder wo auch immer ihr euch gerade rumtreibt) kennen. Und falls nicht, kann man z.B. engen Freunden trotzdem von der eigenen Situation erzählen, vielleicht ist die Sicht von jemandem, der sein bisheriges Leben ABCD-frei über die Bühne gebracht hat, auch ganz interessant und nützlich. Ich gebe zu, es ist jetzt nicht so unbedingt mein Ansatz, aber ich denke, ihr wisst trotzdem, was ich meine.

Worüber?

Das ist natürlich schwer einzugrenzen, aber ich möchte mal versuchen, ein paar Fragen als Denkanstöße zu nennen:

  • Was ist schön hier? Führt euch positive Eindrücke und Erfahrungen vor Augen. Wann habt ihr die chinesische Gastfreundschaft erlebt? Wann hat euch der peruanische Humor so richtig zum Lachen gebracht? Eine schöne Landschaft, eine tolle Mahlzeit, ruft sie euch ins Gedächtnis.
Gleicht vieles aus: leckeres Essen. Hier Reisnudeln in Luliang (Yunnan), 2013.
  • Was ist hier weniger schön? Auch das gehört wohl irgendwie dazu. Überlegt, was es genau ist, was euch stört. Das hilft, Probleme einzugrenzen und vielleicht sogar zu lösen.
  • Und natürlich die Kombination aus beidem: Überwiegen für mich die positiven oder die negativen Aspekte dieses Ortes, an dem ich gerade lebe? (Beide Antworten sind dabei natürlich berechtigt, aber dazu gleich noch ein paar Gedanken).
  • Was war meine ursprüngliche Motivation, in dieses Land zu gehen?
  • Wie werde ich mich danach fühlen? Darüber kann man natürlich nur spekulieren, aber das macht ja auch manchmal Spaß. Und es reicht vielleicht auch ein „Ich werde mich eher gut/eher schlecht fühlen“.
  • Was habe ich hier schon geschafft? Wie bin ich hier (oder anderswo) mit schwierigen Situationen umgegangen, wie habe ich sie gemeistert?
  • Kann ich diese Situation irgendwie akzeptieren? Manchmal muss man sich, denke ich, halt an die eigene Nase fassen. Wenn man erst ein paar Monate in einem Land ist, ist man vielleicht doch nach wie vor Gast und muss manches einfach akzeptieren. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass man alles hinnehmen muss, so wie es ist, und die Abwägung, wann man sich beschwert und wann nicht (sofern es überhaupt einen konkreten Ansprechpartner gibt), ist keine leichte. Aber die Frage, ob man (weiterhin) in diesen sauren Apfel beißen mag, kann man sich zumindest stellen.

Und überhaupt: Muss ABCD denn etwas gänzlich Schlechtes sein? Auf gewisse Weise ist es ja doch ein Zeichen, dass irgendetwas in einem arbeitet, dass ein Reflexionsprozess stattfindet. Natürlich sind die Fragen des zweiten, missgelaunten Warums ausgesprochen unschön. Aber gleichzeitig ist ihr Ursprung vielleicht gar nicht so übel: Reflexion ist immer wichtig und zeigt, dass man nachdenkt und im Reifen begriffen ist, auch wenn der ganze Prozess auch mal weniger angenehme Momente bereitet.

Wenn es alles nichts gegen ABCD nützt

Nun kann es natürlich sein, dass alles Ablenken, alles Auseinandersetzen irgendwie nichts bringt. Oder dass man schon lange nicht mehr von A Bad China Day, sondern eher von A Bad China Week oder gar Month sprechen kann. Und spätestens dann wird es unangenehm.

Wenn man z.B. bei einem Freiwilligendienst merkt, dass man mit diesem Land, in dem man sich gerade aufhält, so gar nicht klarkommt, ist es wohl eine Überlegung wert, mit der Organisation oder mit den Projektpartnern vor Ort zu sprechen. Bei weltwärts wären das z.B. die Länderkoordinatoren in Deutschland, die Regionalkoordinatoren im Gastland oder die Ansprechpartner im Projekt (der Aufnahmeorganisation) selbst. So eine Art Zwischenstellung nehmen dabei Mitfreiwillige und Vorfreiwillige ein, mit denen man bei weltwärts ganz gut vernetzt ist.

Definitiv kein ABCD: Ein bisschen rumalbern. Nochmal Chengdu (Sichuan), 2012.

Denn letzten Endes ist das, worum es geht, Lebensqualität. Wenn man merkt, dass die Vorstellung, die kommenden Monate hier zu verbringen, einen richtig unglücklich macht, ist das echt nicht gut. Und ich denke, es ist auch keine Schande, zu erkennen, dass etwas einfach nicht so toll ist wie erwartet – im Gegenteil, ich werte es eher als Zeichen von Größe, sich selber und seinem sozialen Umfeld einzugestehen, dass eine Idee nicht die beste, ggf. sogar ein Fehler war, und den Mut zu besitzen, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Was aber macht man dann? Gute Frage. Ich glaube, es gibt auch hier zwei Optionen: trotz allem durchziehen oder abbrechen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und die hohe Kunst besteht wohl darin, zu erkennen, wann welcher sinnvoll ist. Ich bewundere Menschen, die die Selbstdisziplin besitzen, etwas zu Ende zu bringen, was ihnen eigentlich gar nicht gefällt. Ich bewundere ebenso Menschen, die erkennen, dass das Leben viel zu kurz ist, um auf sein eigenes Lebensglück zu verzichten, denn dieses Lebensglück steht uns allen zu.

Allen, die gerade einen Bad China Day, Bad Peru Day, Bad Germany Day oder Ähnliches erleben, sei gesagt: Ihr seid nicht allein! Jeden Tag durchleben viele Menschen eine ähnliche Situation, und ihr werdet sie meistern. Ich hoffe, meine Gedanken konnten euch ein bisschen weiterhelfen oder waren zumindest interessant. Alles wird gut!

Liebe Leserschaft, was macht ihr an einem Bad Day, egal welcher Art?

Eure jetzt eigentlich wieder ganz gut gelaunte Charlotte

 

Foto des Emus über Pixabay

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