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Chinagedanken

Chinesische Essenssymbolik

Jiaozi in der Nanjinger Mensa 2017.

Oder: Du wirst, was du isst

Liebe Leserschaft,

was ist euer Lieblingsgericht der chinesischen Küche?

Ich muss gestehen, keines so richtig zu haben – ich liebe Hammelfondue (涮羊肉), Fisch mit Chili (shuizhu yu 水煮鱼), Gurke mit Knoblauch (pai huanggua 拍黄瓜), Aubergine mit Fischgeschmack (yu xiang qiezi 鱼香茄子), Eichhörnchen-Fisch (songshu yu 松鼠鱼), Feuertopf (huoguo 火锅), Dimsum (点心) aller Art, Reisnudelrollen (changfen 肠粉), Huhn mit Erdnuss und Chili (gongbao jiding 宫保鸡丁), und dann wäre da noch die Yunnan-Küche: eine bestimmte Sorte Reisnudeln mag ich sehr (ersi 饵丝), Ruanbing (乳饼), Großmutter-Kartoffeln (老奶洋芋), Sapie (撒撇), mit der Hand gegriffener Reis (shouzhua fan 手抓饭), ganz im Nordwesten Yunnans tibetische Momos, ach, die Liste ist nicht gerade kurz.

Diese (und viele, viele andere) Gerichte zu mir zu nehmen, macht mich glücklich, weshalb ich auf Reisen v.a. durch die Hälfte Chinas, die ich den leckeren Teil nenne (denn ja, es gibt auch eine andere Hälfte, die kulinarisch eher so mittel ist), den Mahlzeiten besonders viel Aufmerksamkeit schenke, denn das ist wichtig. Überhaupt ist Essen in China, ja, in Asien von ungeheurer Bedeutung. Jede Mahlzeit ist die Chance, durch leckeres Essen das eigene Leben ein kleines bisschen glücklicher zu machen, und diese Chance gilt es zu nutzen. Jeden Tag.

Jeden Tag? Nun, manchmal gibt es auch Gerichte, die bestimmten Tagen zugeordnet sind, und deren Sinn nicht allgemein darin liegt, sich selber irgendwie eine Freude zu bereiten, sondern viel konkretere Wünsche wahr werden zu lassen: Essen mit Symbolcharakter. Im heutigen Eintrag widmen wir uns drei Speisen dieser Art: Mondkuchen, die am Mondfest für die Harmonie in der Familie verzehrt werden, Langlebigkeitsnudeln, die an besonderen Anlässen wie Geburtstagen auf dem Speiseplan stehen, und Teigtaschen namens Jiaozi, die irgendwie das ganze Jahr über gegessen werden, in Nordchina aber v.a. am Neujahr für Reichtum. Mit allen dreien ist die Hoffnung verknüpft, durch den Verzehr der Speise auch gleich bestimmte Eigenschaften in sich aufzunehmen.

Mondkuchen (yuebing 月饼)

Mondkuchen werden am Mondfest (zhongqiu jie 中秋节) verspeist, einem Fest also, an dem man mit der Familie den Vollmond betrachtet, einander Rätsel erzählt und Laternen steigen lässt – mehr zum Mondfest hier.

Mondkuchen! Foto über Pixabay

Mondkuchen existieren in der herzhaften und der süßen Variante und sind z.B. gefüllt mit Fleisch, Ei oder roten Bohnen. Sie sind nicht sonderlich groß, vielleicht wie meine Handfläche, aber sie haben es in sich: Einerseits sind sie durchaus gehaltvoll und meist ist man nach einem oder spätestens zweien ganz gut gesättigt. Andererseits sind sie auch in symbolischer Hinsicht mächtig, denn ihre Rundheit (manche sagen auch: die Rundheit der in ihrer Füllung enthaltenen Eier) steht für die Harmonie der Familie, die sich ja wiederum auch im Mond spiegelt. Wer also Mondkuchen isst, lässt die Harmonie in sich und sein Herz.

Mondkuchen von innen. Foto über Pixabay

Böse Zungen mögen nach überstandenem Mondfest auch anmerken: Ein bisschen Harmonie hat einer Familienfeier noch nie geschadet.

Langlebigkeitsnudeln (shoumian 寿面)

Immer diese Übersetzungen. Jedenfalls ist es mal Zeit für ein kleines Geständnis: Langlebigkeitsnudeln (shoumian 寿面, auch changshoumian 长寿面) habe ich noch nie gegessen. Oder irgendwo gesehen. Aber lassen wir das. (Hat wer Tipps?)

Lecker Nudeln! Foto über Pixabay

Langlebigkeitsnudeln sind ein Gericht für spezielle Anlässe, allen voran Geburtstage. Eigentlich sind Geburtstage in China keine so große Sache wie in Deutschland oder gar den USA, aber wenn es sich um eine runde oder besonders hohe Zahl handelt, wird schonmal eine Feier gestartet. Mitunter stehen dann die Langlebigkeitsnudeln auf dem Tisch, die sich dadurch auszeichnen, besonders lang zu sein, lang, wie das Leben aller sein soll, die sie essen.

Jiaozi (饺子)

Noch eines meiner chinesischen Lieblingsgerichte: jiaozi 饺子, gefüllte Teigtaschen, die gekocht, gedämpft, gebraten oder in Suppe daherkommen. Unter meinen Chinaleibspeisen sind sie wahrscheinlich die einzige, die ich jeden Tag zu mir nehmen könnte, einfach ob ihrer ungeheuren Vielfalt. Neben den Zubereitungsformen sind auch die Füllungen vielseitig: Fleisch, Gemüse und Ei in allen Varianten und Kombinationen. Die jiaozi taucht man in Essig und/oder Sojasoße, oder je nach Geschmack zusätzlich noch in Chili, Koriander oder Knoblauch. Jiaozi sind auch unter Chinaneulingen durchaus beliebt, auch wenn sie für Stäbchenanfänger eine kleine Herausforderung darstellen.

Jiaozi, gedämpft. Foto über Pixabay

Der Nordosten ist die jiaozi-Region Chinas, wo jiaozi besonders gut schmecken und am verbreitesten sind, und wo sie am Chinesischen Neujahr auf gar keinen Fall fehlen dürfen. Denn jiaozi haben an diesem Feiertag eine symbolische Bedeutung: Sie stehen für den Geldsegen. Bislang sind mir dafür zwei Erklärungen über den Weg gelaufen: Dass im neuen Jahr die Taschen des Verspeisers genauso gefüllt sein mögen wie die jiaozi selbst, und dass die Form der jiaozi an die Form der Barren erinnere, in die Gold während der Ming-Dynastie (um deren Kaiser es im letzten Blogeintrag ging) gegossen wurde. Was nun stimmt – keine Ahnung. Hauptsach‘ gudd gess, wie das Saarland zu sagen pflegt, und Hauptsach‘ die Symbolkraft wirkt, mag das Reich der Mitte ergänzen.

Jiaozi machen in Shijiazhuang zum Frühlingsfest 2013. Es ist nicht leicht!

Jiaozi haben übrigens sehr viele Geschwister. Es fängt an bei all den verschiedenen Teigtaschen, die in China gegessen werden: guotie 锅贴, shaomai 烧卖, xiaolongbao 小笼包, um nur mal ein paar zu nennen. Es geht weiter mit Cousins in Japan und Korea wie den gyoza und mandu und endet bei weit entfernten Verwandten wie Piroggen und Maultaschen. Mir scheint, die Idee, Hackfleisch mit Teig zu ummanteln, ist irgendwie ein weitverbreitetes Bedürfnis der Menschheit. Schmeckt ja auch.

Jiaozi, gebraten (links) und gekocht (rechts), Kunming 2012.

Liebe Leserschaft, ich hoffe, euch hat dieser Artikel über chinesisches Essen und seine Symbolik gefallen. Was esst ihr in China am liebsten?

Eure jetzt irgendwie Appetit entwickelnde Charlotte

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